Ein Lemberger zum Zwiebelrostbraten, ein Orange Wine zum Käse und zwischendurch eine alkoholfreie Entdeckung. Natalie Lumpp denkt Genuss vielseitig. Im Interview mit WEINPILOT – Batin Mumcu spricht die Sommelière über das Heilbronner Weindorf, den Klimawandel und eine junge Generation, die Wein bewusster auswählt.
Wer Natalie Lumpp nach Konkurrenz in der Sommellerie fragt, bekommt eine klare Antwort: „Von Konkurrenz kann keine Rede sein!“ Für sie zählen das Miteinander und die Freude daran, Menschen für Wein zu begeistern. Diese Haltung zieht sich durch unser Gespräch, von ihren Anfängen in einer damals von Männern geprägten Branche bis zu neuen Formen des Genießens.
Ausgangspunkt unseres schriftlichen Interviews ist das Heilbronner Weindorf 2026. Von dort führt der Blick weit über Württemberg hinaus: zu deutschen Rieslingen, ungewöhnlichen Weinstilen und der Frage, wie Weinkultur morgen aussehen kann. Los geht´s!
Interview: Batin Mumcu · Antworten: Natalie Lumpp · September 2026
1. Heilbronner Weindorf: ein Fest, das Menschen zusammenbringt
WEINPILOT: Das Heilbronner Weindorf 2026 feiert die regionale Weinkultur. Welchen Stellenwert hat dieses Fest für Sie persönlich, und was macht die Atmosphäre und die Weine der Region Heilbronn-Franken in diesem Jahr besonders faszinierend?
Natalie Lumpp: Das Heilbronner Weindorf ist für mich seit jeher Kult! Immer wieder finde ich es beeindruckend, wie viele junge Menschen gerne wieder zu diesen besonderen Weintagen nach Hause kommen, um sich hier mit Freunden zu treffen und gemeinsam zu feiern.
Ich persönlich freue mich vor allem, dass unter den rund 400 angebotenen Weinen für jeden Geschmack etwas dabei ist. Von „einfach trinkig“ bis hin zu sehr hochwertig. Kombiniert mit den passenden Stärkungen der Gastronomen, der tollen Live-Musik und den geführten Tastings lässt dieses kulinarische Ereignis wirklich keine Wünsche offen!
2. Sommellerie: eine große Familie
WEINPILOT: Sie sind fest in Baden-Baden und Süddeutschland verwurzelt. Was sehen Sie rückblickend und heute als Ihr persönliches Alleinstellungsmerkmal, das Ihre Arbeit als Sommelière prägt? Und wie erleben Sie den Wettbewerb unter Sommeliers um die begehrten Jobs in Südbaden?
Natalie Lumpp: Ich möchte mit Ihrer letzten Frage beginnen: Von Konkurrenz kann keine Rede sein! Wir sind dankbar und froh für jeden Sommelier. Ganz im Gegenteil: Es fühlt sich wie eine große Familie an, und mit einem ganz selbstverständlichen Miteinander helfen wir uns auch jederzeit untereinander.
Schon recht früh habe ich meine Liebe zum Wein entdeckt. Zu dieser Zeit war der Beruf des Sommeliers noch eine absolute Männerdomäne. Als Chefsommelière im Hotel Bareiss gehörte ich zu den ersten drei weiblichen Sommeliers in Deutschland. 1997/98 gewann ich mit der Trophée Ruinart den Titel „Beste Sommelière Deutschlands“.
Seit dieser Zeit ist es mein großes Anliegen, meine unbändige Freude am Wein weiterzugeben. Glücklicherweise durfte ich in all diesen Jahren auch fast alle Weinländer dieser Welt bereisen – und dabei unglaublich viele faszinierende Menschen und Weine kennenlernen.

3. Klimawandel: Wenn die Lese schon im August beginnt
WEINPILOT: Der Klimawandel stellt Winzer weltweit vor enorme Herausforderungen. Welche spürbaren Veränderungen beobachten Sie aktuell in den deutschen Weinanbaugebieten – insbesondere in Baden und Württemberg – und wie reagieren die Winzer darauf?
Natalie Lumpp: Dieses Jahr hat den Klimawandel wieder deutlich gespiegelt, wir haben die früheste Weinlese eingefahren. Nicht nur, dass die Weinlese mittlerweile häufig schon im August startet, auch die Reife der unterschiedlichen Rebsorten hat sich verändert: Sie werden teilweise nahezu zur gleichen Zeit reif. Für die Winzer bedeutet das immer öfter einen knackigen und intensiven Herbst.
Bei Neuanpflanzungen schauen einige Winzer heute deshalb nach höher gelegenen Lagen und teilweise auch nach weniger sonnenintensiven Ausrichtungen.
4. Deutscher Wein: mehr Selbstbewusstsein im Glas
WEINPILOT: Wenn Sie den deutschen Wein im Jahr 2026 mit der internationalen Konkurrenz vergleichen: In welchen Bereichen haben deutsche Winzer im Moment die Nase vorn, und wo müssen wir aufholen, um weltweit konkurrenzfähig zu bleiben?
Natalie Lumpp: Leider wird bei uns noch immer unterschätzt, welch hervorragenden Ruf deutsche Weine international genießen. Sie sind weltweit sehr gefragt. Kaum eine andere Weinregion bringt so viele schlanke, finessenreiche und elegante Weine hervor. Vor allem unsere Rieslinge werden zu Recht als einige der besten der Welt gehandelt!
5. Naturwein und Orange Wine: neugierig bleiben
WEINPILOT: Naturweine und Orange Wines spalten oft die Gemüter der Weinwelt. Wie stehen Sie als klassisch ausgebildete Sommelière zu diesem Trend, und welchen Platz nehmen naturbelassene Weine in Ihren Empfehlungen ein?
Natalie Lumpp: Die größte Faszination ist für mich, dass es so unglaublich unterschiedliche Weine gibt, und eigentlich für jede Gelegenheit den passenden.
Dazu gehören natürlich auch Orange Wines. Es gibt viele Anlässe, bei denen sie wunderbar passen. Gerade zu Käse können sie zu einem ganz besonderen Erlebnis werden.
Grundsätzlich gibt es unglaublich spannende Orange- und Naturweine. Ich finde es immer wieder faszinierend, wenn ein Wein ganz ohne Schwefel ausgebaut werden kann. Die Phenolik dieser Weine sorgt teilweise für eine sehr spannende und besondere Frische.
6. Alkoholfrei: eine eigene Kategorie mit Zukunft
WEINPILOT: Die Nachfrage nach alkoholfreien und alkoholreduzierten Alternativen wächst rasant. Besitzen alkoholfreie Weine Ihrer Meinung nach mittlerweile die nötige Qualität, um auch anspruchsvolle Genießer langfristig zu überzeugen?
Natalie Lumpp: Die Kategorie „alkoholfrei“ wird sich in der Weinwelt etablieren, so wie wir es auch beim Bier kennen. Die Entwicklung der alkoholfreien Weine geht rasant voran. Gerade durch die Vakuumverdampfung und die anschließende Aromarückgewinnung bieten einige Winzer bereits erstaunlich gute Produkte an.
Eine tolle Ergänzung sind auch die sogenannten „Proxy“ – alkoholfreie, fermentierte Getränke auf Basis von Traubensaft, Verjus oder Tee.
Ich probiere sehr viele alkoholfreie Alternativen und trinke sie auch immer wieder gerne. Für mich sind sie längst nicht mehr nur ein Ersatz, sondern eine spannende eigene Kategorie.
7. Frauen in der Weinbranche: vom Aufbruch zum Wandel
WEINPILOT: Die Weinbranche galt lange Zeit als männerdominiert, doch immer mehr Top-Weingüter werden von Frauen geführt und weibliche Sommelières prägen den Markt. Wie haben Sie diese Entwicklung im Laufe Ihrer Karriere erlebt, und wo sehen Sie die spezifischen Stärken von Frauen in der heutigen Weinwelt?
Natalie Lumpp: Als ich vor 35 Jahren im Weinbereich angefangen habe, war die Branche noch eine absolute Männerdomäne. Ich gehörte damals zu den ersten drei Frauen im Beruf der Sommelière. Heute sind rund die Hälfte der Sommeliers Frauen.
Sicherlich sind Frauen sehr feine Verkosterinnen. Und gibt es etwas Schöneres, als von einer charmanten Dame beraten zu werden?
8. Die nächste Generation: weniger, dafür besser
WEINPILOT: Auf Ihrer Website schreiben Sie: „Wein zu verstehen ist noch einmal eine ganz andere Dimension, die auch das Trinken zu einem viel größeren Erlebnis macht“. Wie sieht Ihre Vision für die Weinkultur der Zukunft aus? Wie verändern sich die Konsumgewohnheiten der jüngeren Generationen?
Natalie Lumpp: Der Weinbau befindet sich gerade in einem großen Wandel. Auch die Trinkgewohnheiten verändern sich. Junge Menschen trinken nicht mehr selbstverständlich jeden Tag Wein und gehen zum großen Teil sehr respektvoll mit dem Thema Alkohol um.
Gleichzeitig genießen gerade die „Gen Z“ Wein zu besonderen Anlässen: zu einem besonderen Essen, bei einem außergewöhnlichen Event oder bei Formaten wie „Wine & Beats“ oder „Afterwork“.
Bei meinen Weinevents kommen sehr viele jüngere Menschen, die sich wirklich für Wein interessieren. Bei ihnen gilt häufig die Devise: weniger ist mehr – dafür darf die Qualität gerne besser sein.
Definitiv müssen wir die jüngeren Generationen anders abholen und ihnen zeigen, wie vielfältig und spannend Wein sein kann.

9. Das perfekte schwäbische Paar
WEINPILOT: Das Heilbronner Weindorf lädt traditionell zum kulinarischen Genuss ein. Welches traditionelle schwäbische Gericht verlangt Ihrer Meinung nach in diesem Jahr nach welcher ganz bestimmten Weinbegleitung aus der Region?
Natalie Lumpp: Keine Frage: Zu einem köstlichen Zwiebelrostbraten einen kraftvollen Lemberger aus der Region – mehr geht nicht!!!
10. Zum Schluss: „Wein verbindet!“
WEINPILOT: Frau Lumpp, wenn Sie der Weinwelt und den Besuchern des Heilbronner Weindorfs ein Lebensmotto oder eine goldene Regel für den Weingenuss mit auf den Weg geben dürften – welche wäre das?
Natalie Lumpp: Lieber Genießer, seit 8000 Jahren ist Wein Kulturgut! Traut Euch, zum richtigen Zeitpunkt ordentlich zu genießen! Wein verbindet!
Mehr über Natalie Lumpp, ihre Weinevents und Bücher: www.natalie-lumpp.de. Weitere Gespräche mit Menschen aus der Weinwelt findest du auf der WEINPILOT-Interviewseite.







